Archiv für den Monat: März 2013

Bandscheibenvorfall: was tun?

Irgendwann hatte ich auf einmal Rückenschmerzen und kurz darauf begannen undefinierbare Schmerzen, die sich von der Hüfte bis ins Bein zogen und nicht mehr weggingen. Außerdem kribbelte es immer wieder im Fuß. Beim Laufen war es manchmal etwas besser, aber wirklich weg waren die Schmerzen nie. Da ich nicht besonders gerne zum Arzt gehe, habe ich es erst einmal mit rezeptfreien Schmerztabletten versucht, die haben aber kaum geholfen. Langsam schwante mir, dass das nichts Gutes bedeuten kann, zumal fast alle Bekannten, denen ich von meinen Schmerzen erzählte, sofort Bandscheibenvorfall diagnostizierten. Schließlich bin ich dann doch zu meinem Hausarzt gegangen, der dann leider auch ziemlich schnell zum gleichen Ergebnis kam.

Ich war erst einmal geschockt, aber mein Arzt meinte, dass das nicht unbedingt schlimm sein muss, also nicht zwangsläufig eine Operation erforderlich ist. Er riet mir, erst einmal für zwei Wochen die Wirbelsäule zu entlasten und verschrieb mir stärkere Schmerzmittel. Für die nächsten zwei Wochen sollte ich möglichst auf einer harten Unterlage schlafen, auf keinen Fall schwer heben und keinen Sport treiben, bei dem Drehbewegungen erforderlich sind. Wenn überhaupt, empfahl er Schwimmen, da das die Wirbelsäule entlastet. Daran habe ich mich so gut wie möglich gehalten. Nach den zwei Wochen wurde es tatsächlich etwas besser, ganz vorbei war es aber immer noch nicht. Mein Arzt empfahl mir dann Krankengymnastik, um die Bauch- und Rückenmuskulatur zu stärken. Glücklicherweise übernahm meine Krankenkasse für eine Zeit lang die Kosten dafür, das ist aber von Krankenkasse zu Krankenkasse unterschiedlich. Danach habe ich dann noch auf eigene Kosten weiter gemacht, bis die Schmerzen ganz weg waren. Anschließend bin ich in ein Sportstudio gewechselt, das ein spezielles Rückentraining anbietet, außerdem gehe ich möglichst regelmäßig schwimmen. Auch fahre ich jetzt öfter mit dem Fahrrad oder gehe zu Fuß. Bewegung, das habe ich gelernt, ist für die Bandscheiben außerordentlich wichtig. Ich hatte glücklicherweise nur einen leichten Schaden, aber es kann auch schlimmer kommen.

Meine Krankengymnastin hat mich während der Behandlung über die Wirbelsäule und die Bandscheiben aufgeklärt, was ich sehr gut fand. Mir wurde dann erst richtig klar, wie wichtig ist es ist, auf sie zu achten. Wenn man weiß, wie das komplexe Wirbelsäulensystem funktioniert, wird einem einiges klar. Deshalb nachfolgend eine kurze Erläuterung.

Die Wirbelsäule

Die Wirbelsäule wird in fünf Abschnitte eingeteilt. Von oben nach unten sind dies: Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule sowie Kreuz- und Steißbein. Insgesamt hat die Wirbelsäule 34 Wirbel (manchmal auch 35). Die oberen 24 Wirbel sind beweglich, die unteren 10 bis 11 sind miteinander zu Kreuz- und Steißbein verwachsen. Die meisten Wirbel bestehen aus einem Wirbelkörper und einem Wirbelbogen, wodurch in der Mitte ein Hohlraum entsteht. Die Hohlräume aller Wirbelknochen zusammen bilden den Wirbelkanal, der das empfindliche Rückenmark schützt. Zwischen jeweils zwei benachbarten Wirbeln treten die Rückenmarksnerven (Spinalnerven) aus und ziehen sich beispielsweise in die Beine oder in die Arme.

In einer Art geschwungener Bogen verbindet die Wirbelsäule den Kopf mit dem Becken. Von der Seite betrachtet hat sie die Form eines Doppel-S. Die Wirbelsäule selbst ist von einem Stützapparat umgeben, der aus etwa 550 Muskeln sowie aus 400 Sehnen und Bändern besteht. Die Wirbelsäule hat im Wesentlichen die Aufgabe Erschütterungen, die beispielsweise beim aufrechten Gehen vorkommen, abzudämpfen und gleichmäßig auf den ganzen Körper zu verteilen. Somit fungiert sie wie ein Stoßdämpfer eines Autos. Zusätzlich bilden sie wie viele andere Knochen in ihrem Knochenmark Blutzellen.

Die Halswirbelsäule

Die Halswirbelsäule besteht aus sieben relativ kleinen Wirbeln. Der erste Halswirbel wird Atlas genannt. Er besteht im Gegensatz zu den anderen Wirbeln nicht aus einem Wirbelkörper und einem Wirbelbogen, sondern lediglich aus einem Knochenring, der die gesamte Wirbelsäule mit dem Schädelknochen verbindet. Dass der Hals beziehungsweise der Kopf so beweglich ist, kommt daher, dass der Atlas eine besonders bewegliche Verbindung zum zweiten Halswirbel (Axis) hat. Das, was die meisten Menschen im Nacken als kleine Knochenauswölbung ertasten können, ist der siebte und letzte Halswirbel. Als Besonderheit weisen die Halswirbel Querfortsätze mit kleinen Öffnungen auf, durch die die Wirbelaterien verlaufen. Sie entspringen der Hauptschlagader und sind für Blutversorgung des Gehirns von großer Bedeutung.

Die Brustwirbelsäule

Die Brustwirbelsäule besteht aus 12 kräftigen Wirbeln, die als Ansatz für die Rippen des Brustkorbs dienen und durch ein Gelenk mit diesen verbunden sind. Am Ende der Brustwirbelsäule treten die Nerven für die Beine aus.

Die Lendenwirbelsäule

Die fünf Wirbel der Lendenwirbelsäule sind relativ groß, da sie den größten Anteil am Körpergewicht tragen. Aufgrund der hohen Belastung treten besonders in diesem Bereich Gelenkabnutzungen oder Bandscheibenvorfälle auf. Im ersten oder zweiten Lendenwirbel endet das Rückenmark. Durch den Wirbelkanal der Lendenwirbelsäule ziehen sich jedoch sowohl Nerven für die Beine als auch Nerven für das Becken.

Kreuzbein und Steißbein

Die Wirbel des Kreuzbeins sind im Laufe der Evolution zusammengewachsen und bilden nunmehr eine Einheit. Die fünf zusammenhängenden Wirbel des Kreuzbeins sind durch ein Gelenk mit dem Becken verbunden. Auch das Steißbein hat sich im Laufe der menschlichen Entwicklung verändert. Es entspricht quasi dem Schwanzskelett bei den Wirbeltieren. Beim Menschen hat sich dieses Schwanzskelett mit der Zeit zurückgebildet und besteht heute nur noch aus 3 bis 4 oder 5 Wirbeln, die ebenfalls miteinander verschmolzen sind. Hauptsächlich dient es als Ansatzpunkt für verschiedene Muskeln und Bänder des Beckens.

Bandscheiben und Bänder

Die Wirbelsäule ist zwar ein wichtiges Stabilisierungsorgan, aber auch für die Bewegung übernimmt sie eine tragende Rolle. Deshalb müssen die Wirbelkörper einerseits stabil miteinander verbunden sein, andererseits müssen sie aber auch Bewegungen zulassen. Eine zugleich stabile und bewegliche Verbindung ist eine komplizierte Angelegenheit. Bei der Wirbelsäule wird das durch ein System mit mehreren Komponenten gelöst. Zum einen sind jeweils zwei benachbarte Wirbel mit einem Wirbelgelenk verbunden, sodass Bewegung möglich ist. Zum anderen erhält die Wirbelsäule Stabilität durch Bandscheiben, Bändern und Muskeln.

Außer dem ersten und dem zweiten Halswirbel sowie dem Kreuz- und Steißbeinwirbel sind alle anderen Wirbel zwischen den Wirbelköpern durch eine Bandscheibe verbunden. Die Bandscheibe besteht aus einem weichen Kern (Gallertkern), der wie eine hydraulische Kugel funktioniert. Der Kern ist jeweils von einem festen aber elastischen Ring umgeben. Diese Faserringe wirken dem Innendruck des Gallertkerns entgegen.

Die wesentliche Aufgabe der Bandscheiben ist, neben der beweglichen Verbindung der Wirbel, die Abfederung von Erschütterungen, wie sie bei Bewegungen entstehen. Bandscheiben bestehen bei Neugeborenen aus 100 % Wasser, während des Alterungsprozesses nimmt dieser Anteil bis zu ca. 35 % ab. Damit Bandscheiben ihre Elastizität behalten, müssen sie regelmäßig mit Flüssigkeit versorgt werden. Dies geschieht in erster Linie durch Bewegung. Bei Bewegung wird die Bandscheibe be- und entlastet und nur dadurch kann die Bandscheibe Flüssigkeit aufnehmen. Wenn sie zu wenig Flüssigkeit hat, wird der äußere Faserring der Bandscheibe rissig und die Elastizität nimmt ab. Dadurch kann es passieren, dass der Gallertkern nicht mehr in seine neutrale Position gebracht werden kann. Bei einem Wassermangel in den Bandscheiben spricht man von einer Unterernährung der Bandscheibe. Diese kann auch auftreten, wenn die Bandscheiben ständig einer Überbelastung ausgesetzt sind. Durch die Bänder und Muskeln erfolgt die Stabilität der Wirbelsäule.

Die Bandscheibe ist täglich enormen Belastungen ausgesetzt. Normalerweise drücken zwischen 30 bis 50 Kilo auf das Organ. Auch eine kurzfristige Belastung um das Vierfache kann eine gesunde Bandscheibe abfedern. Die Anpassung an die tägliche Belastung lässt sich sogar mit dem Metermaß nachweisen. Die meisten Menschen sind am Anfang des Tages ca. zwei Zentimeter größer als am Abend.

Bandscheibenprobleme

Eine Abnutzung oder Unterernährung der Bandscheiben muss nicht zwangsläufig zu Bandscheibenproblemen führen. Bei einer allmählichen Abnutzung, wie sie der Alterungsprozess mit sich bringt, kann sich das Funktionssystem der Bandscheiben durchaus auf die veränderte Situation einstellen. Das Risiko steigt jedoch je „unterernährter“ die Bandscheiben sind. Bei einem akuten Vorkommnis, beispielsweise eine ungewöhnlich starke Druckbelastung, entstehen hingegen in der Regel starke Schmerzen.

Grundsätzlich wird zwischen Bandscheibenvorwölbung und Bandscheibenvorfall unterscheiden. Bei der Bandscheibenwölbung konnte der Gallertkern beispielsweise nach einer Beugung nicht mehr in seine neutrale Position gebracht werden. Das ihn umgebende Fasergewebe bleibt dabei jedoch unbeschädigt und es tritt kein Bandscheibengewebe aus. Von einem Bandscheibenvorfall spricht man, wenn der äußere Faserring Risse aufweist, durch die Bandscheibengewebe austritt.

In ca. 90% der Fälle treten Bandscheibenprobleme in der Lendenwirbelsäule auf, da dieser Teil der Wirbelsäule am meisten Gewicht trägt. Sind bei einer Bandscheibenschädigung Nerven oder Nervenwurzeln betroffen, wird es schmerzhaft. Beim sogenannten Hexenschuss ist beispielsweise der Sitzbein- oder Hüftnerv (Ischiasnerv) betroffen. Er kann Schmerzen vom Gesäß bis in das Bein ausstrahlen.

Was tun bei einer Bandscheibenschädigung?

Jedenfalls sollte ein Arzt aufgesucht werden, entweder der Hausarzt oder ein Orthopäde. Der Umfang und die Dauer der Therapie richten sich wesentlich nach dem Ausmaß der Schmerzen. Manche Bandscheibenschädigungen bessern sich schon nach ein paar Wochen, andere können sehr langwierig sein. Zur Basistherapie gehören in jedem Fall eine zeitweise Entlastung der Wirbelsäule, Physiotherapie und Schmerzmittel (Tabletten und/oder Spritzen). Auch ein Antirheumatikum kann hilfreich sein. Absolute Bettruhe wird heute hingegen eher kritisch gesehen, weil dadurch die Muskulatur weiter erschlafft und somit die Wirbelsäule noch instabiler wird. Zusätzlich können Wärmepflaster und Wärmegeräte helfen, die Schmerzen zu lindern. Nach der Behandlung des akuten Vorfalls sind auf jeden Fall langfristige Maßnahmen erforderlich. Äußerst wichtig sind eine Stärkung der Rückenmuskulatur und ausreichend Bewegung. Ein operativer Eingriff wird erst dann erforderlich, wenn alle diese Maßnahmen mittelfristig nicht zu einer wesentlichen Besserung führen.