Archiv für den Monat: Dezember 2012

Therapie und Vorbeugung bei Hexenschuss – ein ganz persönlicher Erfahrungsbericht

Bandscheibenvorfall und Hexenschuss sind Erfahrungen, auf die jeder gerne verzichten würde. Trotzdem ist die Chance leider groß, zumindest einmal im Leben damit konfrontiert zu werden. Die Gründe dafür sind mannigfaltig: Zu wenig Bewegung, zu viel und falsches Sitzen, eine übermäßige Belastung des Rückens und Übergewicht sind nur einige davon.
Ein Bandscheibenvorfall oder ein Hexenschuss kann übrigens entgegen der landläufigen Meinung im gesamten Bereich der Wirbelsäule auftreten und nicht nur im „Kreuz“, womit üblicherweise der Bereich zwischen unterem Becken und Taille gemeint ist. Mich selbst hat der Hexenschuss in der Brustwirbelsäule erwischt und dieses zum Glück einmalige Erlebnis war der Auslöser für ein sehr viel bewussteres und gesünderes Leben. Aber schön der Reihe nach.

Das Abheben eines Telefonhörers zählte für mich zu den harmlosesten Bewegungen im Leben, über die ich mir auch nie Gedanken gemacht hatte. Nun ja, ich wurde eines Besseren belehrt.
Als das Telefon läutete, stand ich gerade seitlich schräg davor. Folgerichtig drehte ich den Oberkörper leicht nach links und griff mit der rechten Hand, also diagonal, zum Hörer. Der Schmerz war unglaublich. Der gesamte linke Brustbereich war ein einziger stechender Schmerz. Herzinfarkt war das erste Wort, das mir durch den Sinn schoss. Ich stand wie gelähmt, bis mir allmählich dämmerte, wie unwahrscheinlich ein Infarkt war und um wie viel wahrscheinlicher ein „Verreißen“. Das beruhigte zwar mich, aber nicht den Schmerz. Ich konnte nur flach atmen, weil jedes tiefere Luftholen neue Dolche durch meine Brust trieb.
In Schmerzsituationen gab es für mich nur einen sicheren Ort: mein Bett. Ein großer Fehler, aber das wusste ich damals nicht.
Der Ratschlag eines Experten hätte wohl folgendermaßen gelautet: Wenn schon hinlegen, dann auf einen harten Untergrund und auch nur, bis man sich einigermaßen gefangen hat. Besser wäre es, in Bewegung zu bleiben, natürlich vorsichtig, und eine Schmerztablette zu nehmen.

Egal, ich quälte mich ins Bett, und weil es ohnehin Abend war, blieb ich gleich dort. Die Nacht war grausam. An Schlaf war nicht zu denken, ich konnte nur dösen. Als ich am Morgen aufstehen wollte, war ich bewegungsunfähig. Unter Aufbietung meiner ganzen Willenskraft schaffte ich es dann doch, mich irgendwie auf die Bettkante zu setzen. Das dauerte sicher 15 Minuten. Ich merkte, dass ich den linken Arm nicht höher als zwei Zentimeter heben konnte. Mein erster Weg führte mich zum Telefon. Ich rief den Orthopäden an und bekam auch gleich einen Termin. An Auto fahren war natürlich nicht zu denken, deshalb fuhr ich mit dem Taxi zur Sprechstunde. Im Wartezimmer saß eine Frau im Rollstuhl, der dasselbe passiert war wie mir, nur hatte sie sich die Lendenwirbelsäule verrissen und sie konnte nicht mehr gehen.

Bei der Untersuchung stellte sich heraus, dass zwei Wirbel meiner Brustwirbelsäule blockiert waren. Die Muskulatur im Rücken war über das Schulterblatt bis zum Nacken hart wie Beton. Der Arzt verordnete mir Schmerzmittel und eine Strombehandlung, die ich ambulant in einem Zweitagesrhythmus durchführen konnte. Schon nach der zweiten Behandlung ging es mir wesentlich besser und nach der vierten Behandlung war ich komplett schmerzfrei, natürlich ohne Schmerzmittel. Nach Abschluss der Stromtherapie wurde ich dann an eine Physiotherapeutin überwiesen.

Mit ihrer Hilfe konnte ich den Grundstein für ein Leben ohne Rückenschmerzen legen.
Zuerst löste sie die restlichen Muskelverhärtungen mit einer speziellen Massage und dann zeigte sie mir jede Menge Übungen zur Dehnung und Stärkung der verschiedenen Muskelgruppen. Dazu zählten nicht nur die Rückenmuskeln, sondern auch die Bauch- und Brustmuskeln und die Becken- und Gesäßmuskeln. Sie korrigierte falsche Bewegungsabläufe und gemeinsam erarbeiteten wir Übungen, die sich einfach in den Alltag integrieren ließen.

Viele Jahre sind seither vergangen. Natürlich verblasst der Schrecken über den Hexenschuss mit der Zeit, aber – und das ist wichtig – ich habe nie aufgehört, die Übungen zu machen. Wenn ich gezwungen bin, lange zu sitzen oder ungewohnte Bewegungen zu machen, folgt nachher das Dehnen. Die angenehme Wärme, die dann meine Muskeln durchströmt, bestätigt mir jedes Mal die Richtigkeit dieses Vorgehens. Die Kräftigungsübungen sind mir in Fleisch und Blut übergangen und ich führe sie zwei- oder dreimal wöchentlich durch.

So einfach kann Vorbeugung sein.