Archiv für den Monat: Dezember 2011

Ischias: Schmerz von Po bis Bein

Letzten Monat hat es mich richtig erwischt, nach einer blöden Drehung tat auf einmal das Bein weh. Die Schmerzen zogen in das linke Bein, nicht mächtig, aber unangenehm. “Ischias”, meinte meine Freundin, “ganz klar, und der Schmerz kommt eigentlich aus dem Rücken!” Mir war das nicht klar, ich hatte noch nie Rückenprobleme. Dass es einen Ischias gibt, habe ich schon gehört, aber was das ist und wie er sich äußert, war mir bislang unbekannt.

Eine erste kurze Recherche im Netz brachte eher Verwirrung: Wenn von “Ischias” gesprochen wird, ist das eine sehr ungenaue Bezeichnung. Das Wort Ischias bezeichnet eigentlich den Nerv selbst, den Nervus Ischiadicus, der im Lenden-Kreuz-Geflecht entspringt und sich das Bein entlang zieht. Auch eine Neuralgie des Ischiasnervs wird als Ischias bezeichnet, fast alle anderen Schmerzen, die bis ins Bein ausstrahlen, fallen unter den Begriff Ischialgie und haben dann meist mit dem Rücken zu tun, genau, wie Christine sagte.

Sie war auch der Meinung, wenn der Schmerz nicht allzu heftig wäre, könne ich einfach erst einmal abwarten und erst zum Arzt gehen, wenn die Schmerzen nach zwei Wochen (bei relativ normaler Bewegung) noch nicht verschwunden wären. Vielen Dank, das war mir zu heikel, wer weiß ob bei den normalen Bewegungen eine falsche ist, die das Ganze noch schlimmer macht.

Ich bin also zum Arzt gegangen, gerade wenn ich zum ersten Mal mit Beschwerden konfrontiert werde, verschaffe ich mir am liebsten gleich einen fundierten Überblick.

Der Hausarzt erzählte mir viel über den Ischias und Ischialgie und überwies mich anschließend zum Orthopäden.
In der Zeit bis zum Termin beim Orthopäden habe ich mich gründlich mit dem Thema beschäftigt:

Wenn es vom Po bis ins Bein, manchmal sogar bis in den Fuß schmerzt, ist eines ziemlich sicher: Der Nervus Ischiadicus ist gereizt und reagiert mit Schmerzen. Die meisten dieser Ischiasschmerzen werden als Ischialgie bezeichnet, sie können verschiedenste Ursachen haben.

Am häufigsten sind es spinale Nervenwurzeln, also Nervenwurzeln des Rückenmarks, die gereizt sind und Schmerzen in alle möglichen Richtungen ausstrahlen. Dass hier Störungen auftreten, ist schon deshalb nicht unwahrscheinlich, weil der Mensch gleich 31 Paar Spinalnerven (Rückenmarksnerven) besitzt. Vom zentralen Nervenbündel, dem Rückenmark, zweigen durch die Zwischenwirbellöcher diese Spinalnerven ab, die weiter in alle Körperbereiche verlaufen. Im Bereich der 8 Halswirbel treten 8 Halsnerven, die Nervi Cervicales aus, aus den 12 Brustwirbeln kommen 12 Brustnerven, die Nervi Thorakales. 5 Lendenwirbel entlassen 5 Lendennerven (Nervi Lumbales) in den Körper, 5 (verwachsene) Kreuzbeinwirbel 5 Kreuzbeinnerven (Nervi Sacrales) und das Steißbein einen 1 Steißbeinnerv.

Jede Menge Raum für Störungen, häufig verursacht durch einen Bandscheibenvorfall (Bandscheibenprolaps) oder eine Bandscheibenvorwölbung (Bandscheibenprotrusion). Eine andere Ursache dieser Form der Ischialgie kann ein Wirbelgleiten (Spondylolisthese) sein. Möglicherweise liegt auch eine Einengung im Zwischenwirbelloch (Stenose im Foramen intervertebrale) vor, die auf die Nervenwurzel drückt. Diese Einengung kann verursacht werden durch eine Randzackenbildung am Wirbel, einen Tumor, Krampfadern (Varizen) im Bereich der Rückenmarkshülle, einen Wirbelbruch oder ein Ödem (Flüssigkeitsansammlung) in der Nervenwurzel. Meist sind die Schmerzen bei all diesen Ursachen am Ischiasnerv einseitig und werden von (beidseitigen) Kreuzschmerzen begleitet.

Wenn die Ischiasschmerzen sich den ganzen Verlauf des Nervs lang ziehen, sind meist andere Ursachen der Auslöser: Es kann sich um eine echte Ischiasneuralgie handeln, eine eigenständige Krankheit, die selten auftritt. Dann sind keine spinalen Nervenwurzeln betroffen, sondern der Ischiasnerv selbst ist in Mitleidenschaft gezogen, was sich in wiederholt auftretenden, heftigen, aber kurz andauernden Schmerzen den ganzen Nerv entlang äußert. Die Schmerzen können aber auch von einer Verletzung kommen oder die Folge einer Operation im Oberschenkel- oder Hüftbereich sein. Dann sind meist dauernde Schmerzen oder länger andauernde Schmerzepisoden zu beobachten. Auch die falsch gesetzte Spritze ins Gesäß kann den Ischiasnerv verletzen, typisch sind dann brennende Schmerzen und schmerzhafte Empfindungsstörungen. Ins Gesäß werden z. B. Rheumamittel gespritzt. Ähnliche Schmerzen am Ischiasnerv können aber auch durch eine Zuckerkrankheit, durch Alkoholmissbrauch oder Vergiftung mit Schwermetallen verursacht werden, dann sind sie meist mit Ausfällen oder Störungen der Muskeln oder Fehlempfindungen verbunden.

Wenn die Schmerzen des Ischiasnervs vor allem das Gesäß betreffen, kann ein Piriformis-Syndrom die Ursache sein, eine Muskelstörung, die durch Verletzungen im Gesäßbereich entstehen kann.

Schmerzen im unteren Bereich des Ischiasnervs haben ebenfalls typische Ursachen: Wahrscheinlich handelt es sich um ein Fibulaköpfchen-Syndrom, wenn vor allem der Fußrücken und die Unterschenkelaußenseite schmerzen. Dieses Wadenbein-Köpfchen (rechts von der Kniescheibe gelegen) drückt gerne gegen einen Nervenast des Ischias, wenn in diesem Bereich Gipsverbände, Verrenkungen oder Brüche anliegen. Sitzen die Schmerzen dagegen nur an der Schienbeinvorderseite oder im Fuß, wo sie auch noch Missempfindungen im hinteren Bereich der Fußsohle auslösen, ist meist eine Abzweigung des Ischiasnervs, der Nervus Tibialis, betroffen, in der Form eines Tibialis anterior Syndroms oder des hinteren Tarsaltunnelsyndroms.
Dann gibt es noch ein vorderes Tarsaltunnelsyndrom, das zu Schmerzen am Fußrücken führen kann und eine Morton-Neuralgie, die brennende Schmerzen im vorderen Fußteil verursachen kann.

Also wirklich ein weites Feld! Leider hilft die oben skizzierte Eingrenzung nach bestimmten Schmerzauftrittsorten nur sehr minimal weiter. Denn das Erste, was der Orthopäde mir gründlich klarmachte, als ich mit meinen neu erworbenen Kenntnissen beeindrucken wollte, ist die Unverbindlichkeit dieser Aussagen. Es kann also alles auch ganz anders sein bzw. auf etwas anderes hindeuten.

Die Therapie dieser Schmerzen durch den Orthopäden folgt dem logischen Ansatz, zuerst einmal die Ursache zu finden. Die wird dann behandelt, der seltene Wirbelsäulentumor durch eine geeignete Krebstherapie, der ganz schwere Bandscheibenvorfall vielleicht durch eine Operation.

Zuerst stellte der Orthopäde also eine Menge Fragen nach der genauen Art und dem genauen Sitz der Schmerzen. Er wollte alles über vorhandene Taubheitsgefühle wissen und wo diese auftreten, ob ich Schmerzen beim Husten hätte, wann die Schmerzen das erste Mal aufgetreten sind und so weiter. Es folgten einige spezielle Untersuchungen, deren Beschreibung mich überfordert, es ging vor allem um bestimmte Liegepositionen und um bestimmte Beinbewegungen, auch ein Reflextest und sanfte Berührungen der Haut an den Beinen waren dabei. Noch einige Laufübungen folgten, zum Schluss war der Orthopäde sich sicher, dass die Bandscheiben betroffen sind. Er wollte gerne eine MRT machen, aber bei der geringen Intensität der Schmerzen sei auf jeden Fall keine Operation angesagt, beruhigte er mich.
Wie meine Freundin riet er mir zu moderater Bewegung (alles, was die Schmerzen nicht verschlimmere) und gab mir vorbeugend ein Schmerzmittel mit. Nach der MRT werde er mit mir über Sport, eine Rückenschule und einen Notfallplan für ein mögliches Wiederaufflackern der Schmerzen reden.