Archiv für den Monat: November 2011

Kreuzschmerz

Kreuzschmerz! Wer einmal damit zu tun hat, den begleitet er oft ein Leben lang. Bei mir zumindest war das so. Mit 22 hatte ich meinen ersten „Hexenschuss“ mitten in einem Volleyballspiel. Beim Hochspringen zum Block, schoss er rein, danach fiel ich um wie ein gefällter Baum und kam ohne Hilfe nicht mehr auf die Beine. Noch drei Mal hatte ich solche plötzlichen Schmerzereignisse im Rücken, aber viel schlimmer waren die vielen Situationen, in denen sich der Kreuzschmerz ganz langsam anschlich und sukzessive so schlimm wurde, dass er zu fast der gleichen Bewegungsunfähigkeit führte, wie der akute Hexenschuss. Wie oft das passiert ist, seit diesem ersten Hexenschuss beim Volleyball, habe ich aufgegeben zu zählen.

Am hartnäckigsten hat es mich dann mit knapp 30 Jahren erwischt. Monatelang hatte ich mit einem Kreuzschmerz zu kämpfen, der mich nie völlig lahmgelegt hat, der aber auch nicht unter Kontrolle zu bringen war. Die üblichen Behandlungen beim Arzt, Tabletten, Spritze, chiropraktische Eingriffe, Krankengymnastik brachten keine wirkliche Besserung und wenn, dann nur für kurze Zeit. Das Röntgenbild meiner Bandscheibe war unauffällig, eine wirklich organische Ursache war nicht zu finden. Das alles war ganz schlimm für mich, vor allem auch, weil meine sportliche Karriere kurz vor dem Aus stand.

Hilfe fand ich endlich bei einem Arzt, der mich mit einem ganzen Cocktail von Behandlungsarten ganz langsam wieder auf die Beine brachte, der mich aber vor allem lehrte, den richtigen Umgang mit dieser Schwäche meines Körpers zu finden. Nichts was er machte war wirklich neu. Auch hier wurde ich chiropraktisch behandelt, massiert, akkupunktiert, mit Neuraltherapie behandelt, vor allem aber sprach er vor und nach jeder Behandlung lange mit mir und machte mich mit meinem Körper bekannt. Er lehrte mich, auf die Anzeichen zu hören, die mein Körper mir sendet, die Haltung zu bewahren, die mein Kreuz entlastet, die Übungen zu lernen, die ich anwenden kann, wenn ich einen akuten Anfall von Kreuzschmerz habe. Durch ihn habe ich gelernt, aufrecht durchs Leben zu gehen, bei den Sitzpositionen keine Kompromisse einzugehen, beim Liegekomfort im Bett und auch anderswo, immer genau auf den Körper zu hören, denn er gibt genaue Anweisungen, was ihm gut tut und was nicht. Wenn es einem besser geht, dann vergisst man solches Wissen schnell wieder und wird von seinem Körper auch schnell wieder dafür bestraft. Für solche Situationen hat mir mein Arzt einige wenige Rückenübungen gezeigt, mit denen ich seither immer alleine wieder auf die Beine gekommen bin. Einmal hatte ich sogar schon einen Termin mit ihm gemacht, aber dann bin ich doch von selbst wieder aus dem Schmerzkreislauf heraus gekommen und konnte ihn absagen.

Ganz wichtig war für mich auch der Hinweis, dass alles hilft, was die Durchblutung in der Schmerzregion verbessert. Mit Winzigkeiten wie einem recht kratzigen Handtuch, mit dem ich mich nach dem Duschen oder Baden immer abgetrocknet habe oder einer Luffagurke, mit der ich selbst die schmerzende Stelle massiert habe, habe ich wirklich gute Erfahrungen gemacht. Nichts von alldem allein, kann natürlich helfen, wenn man unter akutem Kreuzschmerz leidet, aber alles zusammen, sind Bausteine, mit denen man ganz langsam lernt, mit dieser Schwäche des eigenen Körpers umzugehen.

Natürlich habe ich mich auch mit vielen anderen Menschen ausgetauscht, die ähnliche Probleme hatten und dabei habe ich festgestellt, dass solche Erfahrungen nur in beschränktem Maße übertragbar sind. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, mit einer Rückenschwäche umzugehen. Jeder muss wohl auch den Arzt finden, der gerade zu ihm und zu seinem Fall passt. Kein guter Ratschlag kann eine ordentliche Untersuchung durch einen Fachmann ersetzen und jeder Fall von Kreuzschmerz liegt anders, obwohl es so viele Menschen gibt, die darunter leiden. Einiges aber gilt doch für die allermeisten Fälle:
Regelmäßige Gymnastik hilft, wobei jeder die richtigen Übungen für seinen speziellen Fall herausfinden muss. Dabei kann ein Physiotherapeut oder ausgebildeter Übungsleiter für Rückenbeschwerden sehr hilfreich sein. Bei mir sind es nur vier oder fünf Übungen, die ich prophylaktisch etwa drei bis vier Mal die Woche mache und ein kleines Repertoire von vielleicht zehn Übungen, die ich im akuten Fall mache, um mich wieder auf die Beine zu bringen.

Sitz- und Liegepositionen müssen kompromisslos den eigenen Bedürfnissen angepasst werden. Der richtige Schreibtischstuhl, nicht irgendein besonders teurer, sondern der, der zu mir passt. Das kann auch ein großer Gymnastikball sein. Lattenrost und Matratze muss man testen und für eine Schlafsituation sorgen, die volle Erholung für den Rücken bedeutet.
Man muss lernen, Dinge zu tragen und zu heben in einer Art und Weise, wie sie der geschädigte Rücken gut aushält. Ich zum Beispiel trage seit dreißig Jahren nichts mehr in einer Hand. Wenn ich eine Tasche dabei habe, dann ist es ein Rucksack, mit dem ich das Gewicht der getragenen Last gleichmäßig auf beide Schultern verteile.
Ganz grundsätzlich muss man einfach einsehen, dass man mit einem Handicap, einer Schwäche lebt und jederzeit gefordert ist, das Leben so auszurichten, dass die Schwäche nicht die Oberhand gewinnt. Ich bin inzwischen 52 Jahre alt, das heißt ich lebe seit dreißig Jahren mit dem Problem Kreuzschmerz. Ich lebe bewusst damit und gönne mir Vieles, was meinen Rücken stabilisiert und die Schmerzen in Grenzen hält, oft sogar völlig in den Hintergrund treten lässt. So kann ich heute immer noch meinem geliebten Volleyballsport nachgehen. Die Leistungsfähigkeit ist nicht mehr besonders hoch und die Knie tun manchmal weh, aber der Spaß ist immer noch der gleiche wie vor dreißig Jahren. Auch bei meiner Arbeit im Büro und als Heimwerker beim Umbau unseres alten Hauses bin ich durch meine Rückenbeschwerden nicht gehandikapt. Das alles verdanke ich dem Arzt, der mich die richtige Umgangsweise mit meiner Rückenschwäche gelehrt hat. Ihm bin ich bis heute dankbar und ich kann nur jeder Frau und jedem Mann, die sich in ähnlicher Situation befinden, raten, so lange nach dem richtigen Arzt zu suchen, bis man den gefunden hat, der sich genauso einfühlsam auf die persönliche Situation einstellt und den richtigen Weg aus dieser schwierigen Situation weist. Wenn man das schafft und sein Leben auf diese Situation einstellt, dann kann man auch mit einem für Kreuzschmerzen anfälligen Rücken ein sehr schönes, erfülltes und sportlich aktives Leben führen.