Archiv für den Monat: Juni 2011

Künstliches Kniegelenk

Wenn man – wie ich – sein Leben lang Freude an körperlicher Arbeit gehabt hat und von Kindheit an auf weiten Wanderungen seine Liebe zur Natur geweckt worden ist, dann kann man ermessen, was aus einem solchen Menschen wird, wenn er keine 100 Meter mehr laufen kann. Und wenn ich heute sage, dass ich mit meinem künstlichen Gelenk ein neuer Mensch bin, so bedeutet das eigentlich eher: ich bin wieder „ganz der Alte“!

Oft gehen der radikalen Lösung einer Gelenkoperation eine Menge „Reparaturversuche“ voraus. Hinter den Schmerzen werden alle möglichen Ursachen vermutet, derer sich die verschiedensten Spezialisten annehmen. Gefragt und ungefragt verbreiten sich wohlmeinende Bekannte über ihre Erfahrungen, und die einschlägige Literatur so wie heute vermehrt das Internet geben Auskunft zu den vermeintlichen Symptomen. Derweil nimmt die Bewegungsfähigkeit des Patienten stetig ab. Eine gelegentliche Besserung ist oft bloß eingebildet und leider auch immer nur von kurzer Dauer, und statt dessen hat sich ein Teufelskreis in Gang gesetzt:

Denn die hinter den hartnäckigen Beschwerden lauernde, fortschreitende Arthrose wird begünstigt, je weniger das Gelenk bewegt wird. Wuchernde Knochenmasse setzt sich an und scheuert an den Rändern des Gelenks, das wegen der im Alter allmählich schwindenden Gelenkschmiere immer trockener und empfindlicher wird. Schließlich ist der Schaden so groß, dass sich das Gelenk entzündet. Fieber ermüdet den Patienten zusätzlich, und dem schlechten körperlichen Zustand folgt endlich auch eine zunehmende psychische Beeinträchtigung: Depressive Phasen und Mutlosigkeit bestimmen mehr und mehr den Alltag.

So weit muss es nicht kommen. Die Diagnose eines erfahrenen Orthopäden, der das Gelenk als irreparabel erkennt und zu einem künstlichen Kniegelenk rät, kann den Leidensweg beenden – voraus gesetzt, man beherzigt diesen Rat. Denn mit modernen Operationstechniken, schonender Narkose und optimal verträglichen Materialien werden heute künstliche Kniegelenke eingesetzt, die Jahrzehnte lang problemlos funktionieren und dem Patienten seine Beweglichkeit zurück geben. Dieser Umstand wiederum ermöglicht es ihm, mit einer gezielten täglichen(!) Gymnastik die eventuellen Schäden an den anderen Gelenken zu mildern oder – wie in meinem Fall – sogar ganz zu beseitigen.

Denn das ist eine sehr wichtige Maßnahme nach einer Gelenkoperation: In der Rehaklinik und der evt. noch anschließenden ambulanten Physiotherapie erlernt der Patient die Übungen, die für seinen speziellen Fall zusammengestellt worden sind und die er zuhause selbst durchführen kann. Ein umsichtiger Orthopäde wird in seiner Verordnung auf dieser Unterweisung bestehen, denn es ist viel wirksamer, täglich zuhause 10 – 20 Minuten für diese – überdies noch kostenlose – Gesundheitsfürsorge aufzuwenden, als einmal pro Woche ins Fitness-Studio zu gehen.

Zunächst muss jedoch die Angst vor der Operation und der Narkose überwunden werden. In der modernen orthopädischen Praxis wird dem Patienten anhand von naturgetreuen Anschauungsmaterialien gezeigt, wie sein neues, künstliches Kniegelenk aussehen wird und wie es funktioniert, und er wird einbezogen in die Wahl der Methoden, die für den Eingriff und die Minimierung der Risiken in Frage kommen. Diese aktive Beteiligung mindert sein Gefühl des Ausgeliefertseins an eine medizinische Apparatur mit ihren durch ihn nicht mehr zu kontrollierenden Abläufen. Eine überzeugende Diagnostik, die verständliche Deutung der Symptome, in der sich der Patient wirklich wiederfindet, so wie Sorgfalt und Einfühlungsvermögen bei evt. schmerzhaften Vorbehandlungen bestärken den Patienten in seiner Sicherheit, endlich in den richtigen Händen zu sein. Z.B. waren in meinem Fall neben den üblichen Röntgen- und Ultraschalluntersuchungen auch zwei Punktierungen erforderlich, um eine bakterielle Ursache des im Vorfeld aufgetretenen Fiebers sicher auszuschließen. Diese Untersuchungen wurden von zwei verschiedenen Ärzten mit sehr unterschiedlichen Begleiterscheinungen durchgeführt und haben meine Arztwahl letztlich entschieden.

Auch die Befürchtung, zuhause unentbehrlich zu sein oder überhaupt der Entschluss, durch einen Aufenthalt im Krankenhaus und in der Rehaklinik den Ritus des eingefahrenen Alltags so radikal zu unterbrechen, stellen für manche Menschen ein schier unüberwindliches Hindernis dar, und erst ein Gespräch mit dem Arzt im Beisein des Ehepartners oder eines anderen nahen Verwandten oder engen Freundes kann die Bedenken zerstreuen und dem Patienten Mut zu einem neuen Lebensabschnitt machen.

Denn um nichts weniger handelt es sich! Man bedenke: 6 Wochen stationäre Behandlung und Therapie sind der Preis für vielleicht noch Jahre eines schmerzfreien, erfüllten Lebensabends. Ich selbst habe außer der Dankbarkeit meinem Arzt gegenüber die Einsicht gewonnen, dass man den Fortschritt der Medizin so gut wie möglich nutzen und die Beseitigung gesundheitlicher Beeinträchtigungen vor allem nicht unnötig hinaus schieben sollte. Denn besonders im fortgeschrittenen Alter ist die Lebensqualität das höchste Gut, und das körperliche Wohlbefinden – im Alter beileibe keine Selbstverständlichkeit – hat daran einen entscheidenden Anteil.

Mehr Informationen über das Thema künstliches Kniegelenk finden Sie im Web unter:
Grünewaldklinik: http://www.gruenewaldklinik.de/kuenstliches-kniegelenk.html